Wir sind erst am Anfang der Reise… (Seitenwechsel)

Wir sind erst am Anfang der Reise…
Weblogs sind (nur) die Spitze des Eisbergs

«Das Internet ist das Gewebe, auf dem unser Leben beruht», sagt der amerikanische Soziologe Manuel Castells. «Man muss eine Online-Community, um seine Marke bzw. Firma aufbauen oder man wird in Zukunft nicht überleben», ergänzt Joe Trippi, der die amerikanische Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten Howard Dean geführt hat. Und der Journalist Wade Roush meint im Artikel Social Machines : «Und nun ändert sich alles. Wenn uns Computer, sei dies nun ein PC, Mac oder ein Mobiltelefon, überall und ständig begleiten und uns helfen die sozialen Wesen zu sein, die wir sind, dann fühlt sich die Zeit, die wir vor dem Computer verbringen nicht mehr an, als würde sie uns vom wirklichen Leben abgezogen.»

Noch werden solche Sätze hierzulande als „euphorisch“ bzw. „vollmundig“ belächelt, niemand will sich nach dem Zusammenbruch des Dot.com-Bubble im Jahr 2000 ein zweites Mal mit einer Internet-Fehldiagnose in die Nesseln setzen. Was dabei leicht übersehen wird, ist die faktische Macht des Internets, die sich gut an der Zeit ablesen lässt, die heute im Netz verbracht wird – vor allem von den Jungen (75% der 15-24 jährigen EU-Bürger) und Personen mit guter Ausbildung (77% der EU-Bürger). Ein Phänomen, dass in diesem Zusammenhang von weitreichender Bedeutung ist, sind Weblogs, in ihrer verkürzten Version auch als „Blogs“ bezeichnet.

Das WWW war als Blogosphäre gedacht
Als Tim Berners-Lee 1989 das World Wide Web erfand, war seine Idee, dass jeder Wissenschaftler Beiträge publizieren und diese jeweils mit den Quellen bzw. Anregungen seiner Kollegen verbinden könnte. Dadurch würde ein Netz von Bezügen zwischen den einzelnen Texten entstehen, dass einen klaren Mehrwert für jeden Wissenschaftler erzeugen würde. Gleichzeitig würden so die Zeit- und Ortsgebundenheit überwunden. Berners-Lee erhoffte sich dadurch einen intensiveren und qualitativ hochstehenden Austausch, der letztendlich der Forschung zu Gute kommen würde.

Als rund zehn Jahre später, die ersten offiziellen Weblogs mit RSS als Informationsaustauschformat auftauchten, verstand man das Ganze zu Beginn noch nicht als viel mehr als öffentliche Tagebücher von ein paar exhibitionistisch veranlagten Jugendlichen. Schon damals konnte man aber erahnen, dass sich Tim Berners-Lee’s Idee des WWW sich eher in der basisdemokratischen Blogosphäre verwirklichen würde als auf den dazumal verbreiteten Firmenwebsites, die Printbroschüren eins zu eins ins Web übertrugen. Zudem verbreiteten sich die Weblogs immer rasanter und das Phänomen erfasste immer breitere Kreise. Gleichzeitig kamen laufend neue Elemente hinzu, die Weblogs immer stärker von einer konventionellen Website unterschieden.

Anatomie des Weblogs
Die wichtigsten Charakteristiken eines Weblogs sind, dass man nicht mehr Seiten produziert, sondern kleinere adressierbare Einheiten, die jeweils mit einem sinnvollen Titel versehen sind – sogenannte «Posts». Auf Deutsch wird heute auch der Begriff «Beitrag» verwendet, aber ich will beim Begriff «Post» verweilen, weil er mir eine einfache Analogie zum Post-It, dem allseits bekannten klebbaren gelben Notizzettelchen, erlaubt. Das Blog – das häufig von einer Person geführt wird – muss man sich dann als eine Tafel – ein sogenanntes Whiteboard – vorstellen, auf das ich meine Post-Its kleben kann. Neu beim Blog daran ist, dass ich nicht nur meine Tafel sehe, sondern auch alle anderen Tafeln, die öffentlich zugänglich sind. Sehe ich nun einen Post-It, der etwas zu tun hat, mit den Themen meiner Tafel, dann mache ich einen neuen Post-It und verweise ich darauf. So entsteht rasch ein Netz von Bezügen und Gegenbezügen, dass mir in den verschiedensten Gebieten, seinen sie nun professioneller oder rein privater Natur, dienlich sein kann.

Nun wird es aber wohl kaum möglich sein, all dies kontinuierlich mitzuverfolgen und deshalb gibt es einige zusätzliche Hilfsmittel, die Weblogs zu einem sehr effizienten Informations- und Austauschmedium machen. Als erstes wäre die Ordnung der Posts zu erwähnen: jedes Weblog ist einerseits streng chronologisch geordnet und andererseits mit einer Kategorie bzw. Rubrik versehen. So erscheint der aktuellste Post, mit klarer Zeitangabe, immer zuoberst bzw. auf der ersten Seite. Dieses chronologische Ordnungsprinzip hat enorme Vorteile; das weiss jeder der schon nach einer aktuellen Meldung auf einer traditionellen Website gesucht hat.

Darauf aufbauend und ohne dieses chronologische Ordnungsprinzip undenkbar ist das Austauschformat RSS, ein Akronym für Really Simple Syndication. RSS, das ist das Weblog ohne Design, das Datenskelett, wenn man so will. Mit RSS wird jedes Weblog abonnierbar und das spamfrei. Dazu braucht man nur einen Webrowser (Firefox), einen Desktop-RSS-Reader,die gratis angeboten werden oder man abonniert sich bei Bloglines, einem Online-RSS-Reader-Dienst. Hier kommt auch ein weiteres wichtiges Element von Weblogs zum Tragen: Weblogs waren nie ein Einzelphänomen sondern sie sind umgeben von vielen Zusatzdiensten. Mit RSS wird es nun einfach möglich immer auf dem Laufenden zu sein, ohne sich selbst auf die Website begeben zu müssen.

Hinter dem Weblog die Person
Das Ganze funktioniert so einfach, dass ich probeweise das RSS eines Weblogs abonnieren kann. Finde ich das Ganze doch nicht so interessant, lösche ich es so einfach wie ich mich abonniert habe. Innerhalb relativ kurzer Zeit findet so jeder Blogger – sei er nun eher passiver Leser oder auch aktiver «Poster», die zehn, zwanzig, fünzig Blogs, die interessant genug erscheinen, kontinuierlich mitzuverfolgt zu werden. Interessanterweise wird durch dieses kontinuierliche Mitverfolgen die Person, die hinter dem Weblog steht, immer wichtiger. Es entsteht eine eigentümliche Beziehung, auf die wir so wohl nicht vorbereitet waren. Soziale Beziehungen und Interaktionen beginnen so in der Online-Welt und setzen sich vielleicht einmal fort in der Offline-Welt.

Als letztes Element bleiben noch die Kommentare zu erwähnen. Sie ermöglichen einen kontinuierlichen Austausch, ein kontinuierliches Feedback zwischen dem Blogautor und seiner Leserschaft.

Die neue Dimension: Mobile soziale Maschinen
All diese Elemente, und die erwähnten Zusatzdienste befähigen uns heute, gezielter und rascher, die Dinge und Informationen zu finden, die wir suchen sowie neue persönliche Beziehungen weltweit aufzubauen und zu pflegen. Da es dabei nicht nur um Texte geht, sondern auch um Bilder, Videos und Musik und ganz eigentlich um alle menschlichen Aktivitäten, wird sich das Phänomen fortsetzen, verstärken und wandeln – allen Vorbehalten und problematischen Aspekten zum Trotz. Gerade erreichen wir eine neue Dimension, jetzt wo die ersten Weblogs auch mobil verfügbar sind, und wir überall und immer darauf zugreifen können. Dass das Internet und noch verstärkter das Mobiltelefon unsere Kultur bereits nachhaltig prägen, das wird wohl kaum jemand bestreiten. Was mit den Blogs begonnen hat, ist nun die Rückeroberung dieser neuen Territorien durch uns selbst.

2 Gedanken zu „Wir sind erst am Anfang der Reise… (Seitenwechsel)

  1. Stefan Bucher

    Sehr schön die Analogie zu den Post-it auf der weissen Tafel. Treffend auch die weitere Beschreibung der Weblog-Elemente.

    Der Einstieg überfordert mich. Was wollen diese Zitate alle eigentlich sagen?

    Antwort
  2. Roger

    Hallo Stefan,
    Danke für deinen Kommentar. Die Zitate sind eigentlich dazu da, um damit eine gewisse Stimmung bzw. den Kontext zu schaffen, für das was folgt.
    Aber vielleicht sollte ich das auf das eine Zitat von Wade beschränken.

    Antwort

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