Noch ein paar nächtliche Gedanken zu Mingels, One Segu und Sinnverdrehungen

Wieso fand ich den Artikel von Guido Mingels eigentlich so bestürzend. Vielleicht weil gleichzeitig in anderen Ländern einiges passiert, sei es nun in den neuen EU-Ländern, in Korea, Japan, China oder auch einfach in den USA. Oder anders gesagt, da haben wir auf der einen Seite Mingels Artikel und auf der anderen One Toyko Segu oder San „Wifi“ Francisco (und auch das).

Da ist offensichtlich eine ziemlich radikale Umwälzung im Gange, die im momentan doch eine gewisse Dynamik entwickelt. Man kann dem Hype sagen, und es verteufeln, Fakt bleibt, dass dadurch tiefgreifend bisherige Lebensentwürfe und Businessmodelle in Frage gestellt werden. Da wir offensichtlich auch in einer globalisierten Welt leben, ist das Ganze auch nicht vorbei, indem wir dagegen anschreiben bzw. die digitale Revolution so klein machen, bis wir sie wegdiskutieren können.

Ich verstehe durchaus, dass man manchmal auch überfordert ist durch die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit – dies ist den Leuten während der Industrialisierung nicht anders ergangen – und ich hätte auch gar nichts gegen einen Artikel, der die Probleme, die daraus entstehen, erforscht und dokumentiert (der Hong Kong Artikel im gleichen Heft schien ja etwas in diese Richtung zu gehen). Ich habe aber etwas dagegen, wenn man eine Aussage transportiert, die bei mir so ankam: bleibt sitzen, Leute, es ist eigentlich gar nichts passiert. Diese Art von Scheuklappen-Journalismus, den sicher mancher Leser beruhigt zur Kenntnis nimmt, finde ich angesichts der Lage fatal.

***

Und noch was:

Guido Mingels, Das Magazin:

Das «Pew Internet & American Life Project» in Washington, das die sozialen und lebensweltlichen Auswirkungen des Internets seit Jahren beobachtet, betitelt seinen jüngsten Bericht mit der Formel «The Mainstreaming of Online Life»: Das Internet wird mehr und mehr zum getreuen Abbild der Offline-Wirklichkeit, die schon vorher da war und immer noch da ist. Die schöne neue Internet-Welt ist die alte. Zum Glück.

Das Pew Internet & American Life Project meint wohl etwas anderes mit „The Mainstreaming of Online Life“ als G.M. So schreibt das PEW:

A decade after browsers came into popular use, the Internet has reached into–and, in some cases, reshaped–just about every important realm of modern life. It has changed the way we inform ourselves, amuse ourselves, care for ourselves, educate ourselves, work, shop, bank, pray and stay in touch.

[…] For the most part, the online world mirrors the offline world. People bring to the Internet the activities, interests, and behaviors that preoccupied them before the Web existed. Still, the Internet has also enabled new kinds of activities that no one ever dreamed of doing before–certainly not in the way people are doing them now.

Ich glaube genau damit habe ich Mühe bei diesem Artikel. G.Mingels nimmt Aussagen und reinterpretiert sie – mit einem kleinen Twist, die Franzosen würden dem wohl „glissement“ sagen – so dass wir am Schluss mit der gegenteiligen Aussage dastehen. Erst kürzlich habe ich über solch manipulative rethorische Mittel was Interessantes gelesen, und ich hatte mich damals gefragt, ob ich das bloggen soll. Leider habe ich es dann unterlassen.

Siehe auch:
Internet Activities (PEW)

PS:
Ideale Gelegenheiten bzw. verpasste Chancen
Wieso hat eigentlich nicht das Magazin selbst ein Wiki oder ein Blog zum Thema eröffnet? Angesichts der Tonalität des Artikels war ja mit Reaktionen zu rechnen. Das sind doch ideale Gelegenheiten für Citizen Journalism. Wieso denkt da niemand dran?

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2 Gedanken zu „Noch ein paar nächtliche Gedanken zu Mingels, One Segu und Sinnverdrehungen

  1. Matthias

    Aber Roger! Die Massenmedien sind doch eben deshalb so gut, weil sie eben Einwegkommunikation sind! Steht doch im Artikel!

    Spass beiseite: Die Weltwoche z.B. hat ein Forum, in dem man die Artikel kommentieren kann. Das letzte Mal, als ich dort gelesen habe (ist eine Weile her), war ein wüster Flamewar im Gang, mit sehr vielen Beiträgen. Auf heise ist das ja nicht anders, wobei Heise natürlich locker viel mehr Forums-Beiträge generiert als die Weltwoche.

    IMHO haben die Massenmedien hier gerade eben das Problem, dass die Masse der Leser, die reagieren will, schnell ein
    mal zu gross ist; man müsste sich in einem magazin-Forum oder -Wiki durch eine riesige Anzahl von Beiträgen wühlen, die alle mehr oder weniger dasselbe sagen.

    Deshalb finde ich die „verteilten“ Reaktionen in diversen Blogs eigentlich besser als eine zentralistisch organisierte Diskussion im von den Massenmedien bereitgestellten Rahmen.

    Antwort
  2. Roger

    Danke Matthias für den Kommentar. Ich denke einfach die Massenmedien machen das noch nicht richtig, weil sie es bis jetzt nicht gelernt haben. Es ist natürlich nicht damit getan einfach ein Wiki oder ein Forum zu eröffnen. Es braucht schon ein bisschen mehr Herzblut.

    Wenn Mingels seinen Artikel geschrieben hätte und dann im Magazin mit folgenden Sätzen (siehe unten) geendet hätte, sähe das doch schon ganz anders aus. Natürlich muss der Impuls vom Journalisten selbst kommen, das Medienhaus sollte dafür aber das richtige Klima schaffen (siehe Beispiel NYT). Nur so kann sich – meiner Meinung nach – Qualitätsjournalismus im Internet-Zeitalter neu herausbilden.

    Mingels ideale Schlussworte (so ungefähr):

    Ich habe auch ein Weblog – habe mir diesen während der Recherche zugelegt – und ich bin sehr interessiert daran, dieses Thema weiter zu vertiefen. Ich habe zum Thema bereits einiges in der Kategorie „Internet“ veröffentlicht, dass so nicht mehr im Artikel Platz gehabt hat (Literaturhinweise, Links etc.).

    Kommentare auf meinen Artikel sind sehr willkommen, da ich mir bewusst bin eine sehr persönliche Meinung zum Thema zu vertreten. Ich werde mir indessen vorbehalten, nur das zu publizieren, was für die Debatte produktiv ist. Natürlich seid Ihr frei, auf Euren Weblogs und Wikis zu schreiben was Ihr wollt und solange es Sinn macht, werde ich auch darauf verweisen.

    Mein Arbeitgeber „Das Magazin“ ist so grosszügig auch diese Vertiefungsarbeit zumindest teilweise mitzufinanzieren.

    Antwort

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